klimagerechtigkeit.newsletter 006

Nun folgt Teil 3 meiner Serie zu Kollaps. Hier kommt ihr zu Teil 1 - Einführung und Teil 2 - ökologische Grundlagen. Heute soll es um Szenarien gehen. Ich halte gemeinsame Szenarien über eine zukünftige Welt, in der wir leben werden, für unabdingbar, um uns darauf vorzubereiten und planen zu
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Nun folgt Teil 3 meiner Serie zu Kollaps. Hier kommt ihr zu Teil 1 - Einführung und Teil 2 - ökologische Grundlagen.


Heute soll es um Szenarien gehen. Ich halte gemeinsame Szenarien über eine zukünftige Welt, in der wir leben werden, für unabdingbar, um uns darauf vorzubereiten und planen zu können. Auch hier sehe ich natürlich wieder stark die emotionalen Aspekte, die es uns schwer machen, uns auf zukünftige auch worst-case Szenarien einzulassen. Die wenigsten haben akzeptiert, dass wir sehr wahrscheinlich schon den Punkt überschritten haben, an dem wir unausweichlich in Kollapsszenarien reinlaufen und in einer völlig veränderten Welt zurechtkommen müssen. Mir reicht es für den Moment, wenn ihr euch erstmal darauf einlasst, dass es mindestens vernünftig ist, zumindest die Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Wir gehen rein:

Kollaps-Szenarien 

“Bereits im Jahr 2070 - also noch lange vor 2,7 Grad - würden in diesem Szenario 3,5 Milliarden Menschen in Regionen leben, deren jährliche Durchschnittstemperatur ein Risiko für ihre Gesundheit wäre. Darüber hinaus werde man in dieser Zukunft Probleme haben, die Menschheit überhaupt noch zu ernähren. „Man würde praktisch auf einem zerstörten Planeten leben“, sagte der Klimaforscher [Johann Rockstörm, Potsdam Institut für Klimafolgenforschung]. „Um es klar zu sagen: Man will dort nicht hin.“ Quelle


Gerade gehen wir von 8,2 Milliarden Menschen auf der Welt aus, im Jahr 2070 von 9,8 Milliarden Menschen. Die wissenschaftliche Projektion oben geht also davon aus, dass mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung in gesundheitsgefährdenden Regionen dank Temperaturen leben werden muss (bzw. ist damit klar, dass es sehr viel mehr klimabedingte Migrationsbewegungen weltweit geben wird). Wenn wir von Entwicklungen ins Jahr 2070 sprechen, sprechen wir nicht von einem Schalter, der sich dann umlegt und dann ist alles anders. Natürlich ist das eine Sklala, ein Zeitstrahl, der die Entwicklung beschreibt. In manchen planetaren Grenzen ist das eine lineare Entwicklung, oft aber sprechen wir von Kipppunkten, d.h. bestimmte Änderungen machen plötzlich einen Sprung. Und meist wissen wir dann nicht, wie sich das weiter entwickelt.

[Grafik]

Diese Grafik aus dem empfehlenswerten Artikel “Climate Endgame. Erkundung von Szenarien eines katastrophalen Klimawandels” hilft uns, “Kaskadierendes globales Klimaversagen” besser zu verstehen in ihren Zusammenhängen. Ich hatte ehrlich gesagt, gehofft, euch hier klare Szenarien 1, 2, 3 zu präsentieren, Frameworks und gedankliche Vorlagen, vor denen wir dann besser gemeinsam diskutieren können, worauf wir uns vorbereiten sollten. Die Schlussfolgerungen dieses Artikels zeigen jedoch:

“Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass der Klimawandel katastrophale Ausmaße annehmen könnte. Selbst bei einer nur mäßigen Erwärmung könnten wir in solche „Endgames“ geraten. Das Verständnis extremer Risiken ist wichtig für eine solide Entscheidungsfindung, von der Vorbereitung bis zur Erwägung von Notfallmaßnahmen. Dazu müssen nicht nur Szenarien mit höheren Temperaturen untersucht werden, sondern auch inwieweit der Klimawandel mit seinen Auswirkungen zu systemischen Risiken und anderen Kaskaden beiträgt. Wir gehen davon aus, dass es an der Zeit ist, ernsthaft zu prüfen, wie wir unseren Forschungshorizont am besten erweitern können, um diesen Bereich abzudecken.

Die vorgeschlagene „Climate-Endgame“-Forschungsagenda ist ein Vorschlag, durch diesen wenig erforschten Bereich zu navigieren. Im Angesicht einer Zukunft des beschleunigten Klimawandels blind zu sein für Worst-Case-Szenarien ist bestenfalls naives Risikomanagement und schlimmstenfalls töricht – mit tödlichen Konsequenzen.”

Wissenschaftsbasierte Szenarien

Das heißt, das Feld der Szenarien  ist wissenschaftlich noch unzureichend erforscht, vor allem im worst-case Bereich. Was durchaus zur gesellschaftlichen Verdrängung des Themas passt. Doch es gibt auch immer mehr Ansätze und einzelne Perspektiven, nur offenbar noch nicht die von mir erhoffte umfassende Betrachtung. Schon im 6. Weltklimabericht (2023) gab es neu eingeführte SSPs (Shared Socioeconomic Pathways, dt.: gemeinsame sozioökonomische Entwicklungspfade), die uns perspektivisch helfen, wissenschaftsbasierte Szenarien einfacher zu entwerfen

[Grafik]


Eine wissenschaftsbasierte Projektion mit verschiedenen Szenarien hilft uns dann z.B., zu simulieren, wieviel Hitzetage pro Jahr auf uns in den jeweiligen Regionen zukommen - die repräsentativen Konzentrationspfade. Die RCP zeigen dann unterschiedliche Anstrengungen auf, dabei wäre RCP2.6 sehr hohe Anstrengungen inklusive Negativ-Emissionnen, während RCP8.5 ein weiter so wie jetzt bedeutet.

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[Video-Link]


“Die Anzahl der Hitzetage pro Jahr (Tagesmaximumtemperatur ≥ 30°C) nimmt bis ca. 2030 zu. Ab Mitte des 21. Jahrhunderts steigt die Anzahl der Hitzetage nur noch für RCP8.5. Die Animation zeigt deutlich das Fortschreiten der Linien gleicher Anzahl von Hitzetage nach Norden (Video 2a). Für RCP2.6 wird zum Ende des 21. Jahrhunderts eine Zunahme der Hitzetage um 15 Tage/Jahr in Südeuropa erwartet, während die Zunahme in der Mitte Europas nur zwischen 0 und 5 Hitzetagen beträgt. Für RCP8.5 werden die Hitzetage dagegen um mindestens 10 Tage/Jahr überall in Europa (außer England und Skandinavien) zugenommen haben (Video 2b). Es besteht ein starker Nord-Süd-Gradient in der Änderung der Anzahl der Hitzetage; in Südeuropa könnte für RCP8.5 die Zunahme mehr als 60 zusätzliche Hitzetage im Jahr bedeuten!”


Jetzt mag diese Aussage die Kollaps-These wenig bestätigen, doch findet sich im gleichen Artikel diese Aussage:

“wissenschaftlicher Konsens herrscht jedoch darin, dass die globale Erwärmung auch in den anderen Szenarien zu dramatischen Veränderungen führen wird und die Anstrengungen im Klimaschutz daher deutlich verstärkt werden müssen. So ergeben Modellrechnungen aus dem Jahr 2019, dass bereits bei Eintritt des als optimistisch eingeschätzten RCP4.5-Szenarios viele Städte in eine andere Klimazone wandern würden; so wäre das Klima im spanischen Madrid bereits im Jahr 2050 dem aktuellen Klima im marokkanischen Marrakesch ähnlicher als dem heutigen in Madrid und analog wandeln sich die klimatischen Verhältnisse von Stockholm zu denen von Budapest, London zu Barcelona, Moskau zu Sofia, Seattle zu San Francisco, Tokio zu Changsha. Beobachtungen des Meeresspiegelanstiegs deuten zuletzt auf einen Pfad zwischen RCP4.5 und RCP8.5.

Mir ist es sehr wichtig, weiterhin konsequent auf Grundlage aktueller Forschung zu argumentieren. Insbesondere bei diesem Thema ist mir wichtig, euch nicht zu verlieren in einfachen “ja, aber das ist ja gar nicht bewießen/erforscht/belegt”-Fluchtpunkten. Es gibt gute Gründe, das ganze Thema von sich zu weisen, mangelnde wissenschaftliche Grundlage soll keine sein. Es sind auch keine guten Gründe im Zweifelsfall, aber sicherlich Nachvollziehbare. Ich hoffe, wir werden auch diese Hinderungsgründe Schritt für Schritt mit dieser Artikel-Reihe abbauen. Gerade zu Emotionen sprechen wir bald ausführlicher.

Wenn auch nicht (vollständig) wissenschaftlich, kann uns Belletristik dennoch gut helfen, uns in eine komplexe Welt einzudenken, wie wir sie noch nicht kennen. Dazu findet ihr hier vier besprochene Romane, die uns in kollapsbasierte Welten mitnehmen und uns somit sachlich wie emotional darauf vorbereiten können. “Die Parabel vom Sämann” von Octavia E. Butler habe ich erst angefangen zu lesen und werde ich bestimmt nochmal ausführlicher in einem Newsletter vorstellen. Wer auch bekannt für sein wissenschaftsbasiertes/-nahes schreibe ist, ist Kim Stanley Robinson mit dem Roman “Ministry for the Future”. Das hab ich auch schon ausführlich hier im Newsletter beschrieben.

Danke an dich, wenn du hier noch mitliest. Der Artikel ist deutlich technischer geraten, als ich es mir gewünscht hätte. Ich hatte gehofft, uns eine gemeinsame Grundlage aus einem Set an Szenarien zu legen, auf der wir dann folgend über Kollaps sprechen können. Dort sind wir offenbar noch nicht, dennoch war das eine spannende Lernreise für mich - und hoffentlich auch für dich. In einem neuen Projekt werde ich noch viel Zeit mit Szenarien und unseren Handlungsmöglichkeiten darin verbringen, dazu bald mehr.
Bis dahin widmen wir uns erstmal noch weiteren grundlegenden Themen wie Emotionen und Hoffnung, bevor wir uns dann praktische Handlungsmöglichkeiten in Kultur, Bildung und Zivilgesellschaft anschauen!

Wie immer freue ich mich über eure Kommentare und Feedback!

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